LEERSTAND IN INNENSTÄDTEN IST ANSTECKEND

Welches Schicksal unseren Innenstädten blühen kann, wie sich Corona als Beschleuniger der Krise auswirkt und welche Chancen dadurch entstehen können. Darüber sprachen der Vorsitzende der FDP Main-Kinzig, Daniel Protzmann und der Vorsitzende der FDP Hanau, Henrik Statz mit dem Textilunternehmer und Inhaber der Mode-Einzelhandelskette Bailly Diehl, Michael Bailly.

„Ohne Personen und Persönlichkeiten die Beratungskultur leben, verliert der stationäre Handel gegenüber dem Onlinehandel zunehmend seine Daseinsberechtigung“ erklärt der Hanauer Mode-Unternehmer Michael Bailly, der im Jahr 1974 seine erste eigene Modeboutique auf der Nürnberger Straße in der Brüder-Grimm-Stadt eröffnet hat und heute 16 Filialen im Rhein-Main-Gebiet betreibt. Die Corona-Pandemie hat im letzten Jahr verschärft, was schon vor Jahren begonnen hat: die Krise des stationären Einzelhandels und somit die Krise der Innenstädte. Laut einer Erhebung des Zentralen Immobilien Ausschusses meldeten in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 1.840 Handelsunternehmen Insolvenz an. Experten des Handelsverbands HDE gehen davon aus, dass der Branche bis zu 200.000 Insolvenzen bevorstehen. „Somit ist die entscheidende Frage nicht nur, wie man die vom Einzelhandel dominierte Innenstadt retten kann, sondern welche Chancen für Neues entstehen, wenn zukünftig weniger Verkaufsfläche gebraucht wird,“ erklärt der Vorsitzende der FDP Main-Kinzig und Spitzenkandidat für die Kreistagswahl, Daniel Protzmann.

Die Transformation der Innenstädte hat in der Kommunalpolitik, bei Händlern, Gastronomen und natürlich auch bei Vermietern eine hohe Priorität, denn Leerstand ist ansteckend. Alle Beteiligten haben erkannt, dass sie kooperieren müssen, um lebendige Stadtzentren zu erhalten. Die Zeiten, in denen sich Händler nur für ihre Margen und Umsätze interessierten, Immobilienbesitzer nur für eine hohe Rendite und die Stadtverwaltung für maximale Gewerbesteuereinnahmen, sind vorbei. Neben der Online-Konkurrenz waren und sind es in erster Linie die hohen Mieten, die den Händlern das Leben schwer machen, kleinere Anbieter verdrängten und für den schrittweisen Rückzug von Handwerk, Dienstleistungen und sonstigen Formaten aus den Lauflagen verantwortlich waren. Die Pandemie könnte hier zu einem Umdenken führen, es braucht aber weiter Anreize und kreative Ideen. Viele Immobilienbesitzer haben ihren Gewerbemietern bereits Mieten gestundet oder erlassen. Auch aus eigenem Interesse, denn es ist nicht einfach, für leer stehende Ladenflächen zahlungskräftige Nachmieter zu finden. Aber die Magnetwirkung des Handels schwindet weiter und das erfordert Innovation. „Wir müssen die Stadt wieder zu einem pulsierenden Zentrum des Lebens, Arbeitens, von Handel und Begegnung machen,“ erklärt der Hanauer FDP Vorsitzende, Henrik Statz. „Monokulturen nur mit Handel und Gastronomie sind nicht mehr gefragt, wir müssen wieder Wohnen, Dienstleistung und Handwerk in die Stadt bringen,“ führt Statz weiter aus. Der geistige Vater des Stadtumbaus von Kopenhagen, Jan Gehl, fasste die Bedürfnisse von Stadt auf den Punkt: „Menschen gehen dorthin, wo sie anderen Menschen begegnen können.“ Dafür braucht es Angebote des Begegnens und Erlebens. Im bayrischen Mühldorf hat eine Schreinerei ein Ladenlokal in der Innenstadt angemietet, in Gelsenkirchen wurde ein ehemaliges Kaufhaus zur Stadtbibliothek mit Volkshochschule, Gastronomie, Einzelhandel und Seniorenwohnungen umgebaut. In Paris gründete die Stadt eine gemeinnützige Stiftung, die insolvente Kaufhäuser übernimmt und die Flächen an lokales Gewerbe vermietet. 

Die Transformation der Städte ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Gute und innovative Konzepte braucht es aber immer. So setzen sich die Liberalen weiter dafür ein, dass leerstehende Flächen temporär für Pop-Ups – von der Craft-Bier Brauerei bis zum lokalen Kaffeeröster – als stationäres Experiment genutzt werden können. Mit solchen sensuellen Erlebnissen wird Online schlagbar. Ein ehrenamtliches Beraternetzwerk erfahrener Händler und Unternehmer, das Gründern beim Unternehmensstart hilft, wäre zusätzlich eine Idee, mit der sich Michael Bailly anfreunden könnte. Eine funktionierende Stadt ist kein abschließendes Ziel, sondern ein Prozess. Und dafür müssen alle ins Boot.